Wie viel Fläche wird in Südtirol wirklich verbaut?

In der Ausgabe vom 17. November 2017 ist in der Südtiroler Wirtschaftszeitung (SWZ) ein Artikel erschienen, in dem versucht wird, die bisher allgemein für richtig gehaltenen Aussagen zur Höhe des Flächenverbrauchs in Südtirol in Frage zu stellen. Diese seien viel zu hoch gegriffen, weshalb sich der Autor dazu hinreißen lässt, vom „Ende des Fußballmärchens“ zu sprechen.


(Foto: Pixabay)


Damit soll die Kernaussage einer vor rund 5 Jahren vorgelegten Apollis-Studie im Auftrag des Südtiroler Bauernbundes widerlegt werden, derzufolge in Südtirol pro Tag eine Fläche von der Größe eines Fußballplatzes durch Verbauung der landwirtschaftlichen oder sonstigen naturnahen Nutzung entzogen wird.

Die Kernaussage der damaligen Studie hat sich auf eine Untersuchung des Landesinstituts für Statistik ASTAT über den Flächenverbrauch in den Jahren 2002 bis 2007 bezogen. Demzufolge hat die besiedelte Fläche (einschließlich Verkehrsinfrastrukturen, vor allem Straßen) in diesem Zeitraum um knapp 1.400 Hektar zugenommen, was 280 ha pro Jahr entspricht. Die Nachfolge-Untersuchung des ASTAT für die Jahre 2007 bis 2012, die zum Zeitpunkt unserer Studie noch nicht vorgelegen ist, kam zum Schluss, dass im Zeitraum 2007-2012 ein etwas geringerer Flächenverbrauch zu verzeichnen war, nämlich genau 895 ha, was 179 ha pro Jahr entspricht. Doch geteilt durch 365 Tage ist das immer noch ein Verbrauch von knapp einem halben Hektar pro Tag. Auch darauf könnte man ein Fußballfeld der Größe 95 x 50 Meter anlegen, das immer noch für lokale Meisterschaften geeignet wäre (die FIFA-Norm für internationale Spiele liegt etwas darüber, nämlich bei 0,7 ha).

Nun ist nicht auszuschließen, dass sich die Situation seit 2012 deutlich verändert haben könnte. Tatsächlich ist die Bautätigkeit (gemessen an den abgeholten Baukonzessionen) in den Jahren 2012 bis 2015 nochmals um einiges zurückgegangen, im letzten Berichtsjahr (2016) hat sie aber wieder angezogen. Selbst wenn der Flächenverbrauch in den letzten Jahren also nochmals abgenommen hätte – ob das wirklich der Fall ist, wird die nächste ASTAT-Analyse zum Thema zeigen – muss man daher zumindest von einem halben Fußballfeld nach FIFA-Norm pro Tag ausgehen, was unserer Ansicht nach keinen Grund zur Entwarnung darstellt.
Doch die SWZ kommt unter Berufung auf andere Datenquellen, insbesondere einen Bericht des staatlichen Umweltinstituts ISPRA, zu ganz anderen Schlüssen. Somit scheint hier Aussage gegen Aussage zu stehen und sich das Vorurteil zu bestätigen, dass sich jeder seine statistische Daten nach eigenem Gutdünken zurecht biegen kann. Dem ist jedoch nicht so. Denn was der Autor des SWZ-Artikels nicht berücksichtigt, sind die ganz unterschiedlichen Definitionen, die den ASTAT-Daten und damit auch der Studie von Apollis und den als Gegenbeweis angeführten ISPRA-Daten zugrundeliegen.

Daten aus verschiedenen Quellen dürfen eben nicht verglichen werden, ohne sich die jeweils verwendeten Erhebungskriterien genauer anzuschauen. Das ASTAT jedenfalls betrachtet eine gesamte Bauparzelle (zu Recht, wie uns scheint) als Siedlungsfläche, die anderen Nutzungen entzogen ist, und nicht nur den Grundriss der darauf errichteten Gebäude, wie die von der SWZ als Experten angeführten Ingenieure. Denn man denke nur daran, wie der Boden rund um ein Gebäude üblicherweise ausschaut: neben Schaurasen und kleinen Zier- oder Nutzgärten ist da ganz viel Asphalt, Pflaster und gestampfte Erde anzutreffen und jedenfalls gedeiht darauf kein landwirtschaftliches Produkt. Ähnliches gilt für die Straßenränder. Diese ASTAT-Kriterien sind auch kein Geheimwissen, sondern ausführlich und leicht verständlich in der ASTAT-Broschüre zum Dauersiedlungsgebiet dargestellt (Astat-Schriftenreihe 194, Seite 17-27). Das ISPRA scheint dagegen einer ganz anderen Definition von Flächenverbrauch zu folgen, die vor allem auf die Bodenversiegelung im engeren Sinn zielt.

Ein weiterer Fehlschluss rührt daher, dass der Flächenverbrauch kein saisonales oder konjunkturelles Phänomen, sondern ein strukturelles ist. Deshalb ist es völlig unzureichend und nicht aussagekräftig, das Ergebnis eines halben Jahrs (November 2015 bis Mai 2016) einfach "hochzurechnen", wie das im SWZ-Artikel unter Berufung auf die neuesten ISPRA-Daten geschieht, als ob damit eine längerfristige Entwicklungstendenz beschrieben werden könnte.
 
 
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